Rezension: Gustav Ernst - Beste Beziehungen

14.3.11

Titel: Beste Beziehungen
Autor: Gustav Ernst
Genre: Belletristik/Zeitgenössisches
Verlag: Haymon (Januar 2011)
ISBN: 978-3-85218-677-1
Gebunden, 212 Seiten
Preis: 19,90 €

Lisa und Franz haben zwei nette kleine Kinder und arbeiten auf das gemeinsame Haus hin, deshalb soll Franz sich gefälligst um seine Beförderung bemühen, wie Lisa findet; Jack ist Büroleiter des Wirtschaftsministers und mitten im Wahlkampf, sieht seine Frau selten und seine Affäre gelegentlich; dass Hanno mit Exfrau Sabine und seiner neuen Freundin unter einem Dach wohnt, findet er in Ordnung, aber nur er; und Stöger, der pflichtbewusste Deutschlehrer, will seiner Nichte Pia eigentlich nur Nachhilfe geben...
Zum Autor:
Gustav Ernst, geboren 1944 in Wien, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor ebendort. Studium der Philosophie, Geschichte und Germanistik. Seit 1997 Herausgeber der Literaturzeitschrift kolik (gem. mit Karin Fleischanderl). U.a. erschienen die Romane Die Frau des Kanzlers (2002) und Grado. Süße Nacht (2004).

Rezension:
Auf der Rückseite des Buches findet sich folgendes Zitat: "Grausamer als die Literatur ist nur die Wirklichkeit - Gustav Ernst erzählt weiter, wo andere längst schweigen". Dies sagt schon das aus, was diesen Roman ausmacht. Aber kurz zum Inhalt: Da sind zum einen das Ehepaar Lisa und Franz. Lisa hat eindeutig in der Ehe die Hosen an, sie gängelt Franz, wo sie nur kann, ob es um seine Beförderung geht oder um ein neues Haus, Franz steht ständig unter Druck, ihr alles rechtzumachen und dies rächt sich in allerschlimmster Form.

Jack ist Büroleiter im Wirtschaftsministerium, der seine Frau ununterbrochen betrügt und sich mit unlauteren Mitteln Freunde macht, die für ihn und seine Laufbahn von Vorteil sein können. Hanno und Sabine wohnen zwar noch zusammen, doch ist bereits Hannos neue Freundin Franziska eingezogen und die drei zerfleischen sich zusehends. Philipp Stöger ist Deutschlehrer und hat ein unnormales Faible für kleine Mädchen. Und dann ist da noch Sigi, der seine Kündigung erhält, aber damit nicht klarkommt...

"Beste Beziehungen" hat mich von der ersten Seite an schockiert. Was Gustav Ernst hier niedergeschrieben hat, ist wahrlich harter Tobak, denn es ist aus dem wirklichen Leben gegriffen. Am schockierendsten war für mich die Geschichte um den Deutschlehrer Stöger. Ich möchte hier nicht mit grausamen Details aufwarten, aber seine pädophile Neigung, die er schlussendlich an seiner 7-jährigen Nichte Pia in die Tat umsetzt, ist absolut nichts für zarte Gemüter.

Aber auch die Geschichte um Lisa und Franz, die eigentlich recht harmlos beginnt, sich dann aber immer tiefer in Vorhaltungen und Druckausübung von seiten Lisas verlieren bis es zum vermeintlich Unausweichlichen kommt, ist tragisch.

Gustav Ernst erzählt als neutraler Betrachter die Geschichten dieser Menschen und das in einer gnadenlosen Sprache, ohne ein Detail auszulassen. Es geht um Unterdrückung, Manipulation, Rache und abnorme sexuelle Phantasien. Jede dieser geschilderten Personen hat psychische Probleme, jede auf seine Art und Weise, man kann und möchte kein Mitleid aufbringen. Die Frage, die zum Ende hin bleibt, ist die, warum diese Personen nicht früher aus ihrem Leben aufgewacht sind, um es nicht so weit kommen zu lassen.

Zur Gestaltung des Buchs: Auf dem Schutzumschlag sind zwei Männerprofile, die sich gegenüber stehen, zu sehen. Mir hätte bezüglich des Titels und auch des Themas ein weibliches und männliches Profil besser gefallen, da es sich thematisch im Roman meist um die zwischenmenschlichen Beziehungen des weiblichen und männlichen Geschlechts dreht.

Fazit: Gustav Ernst gibt in "Beste Beziehungen" drastisch und detailliert Einblick in menschliche Abgründe, die man nur schwer nachvollziehen kann und die sehr betroffen machen.

2 Kommentare

  1. Hallo Kerstin!

    Eine toll geschriebene Rezension, aber das Buch ist definitiv nichts für mich. Nachdem ich selbst ein Kind habe, kann ich nichts lesen, wo Pädophile etc. vorkommen. *weiche*

    Lg, Sabine

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  2. Hallo Sabine, das ist natürlich verständlich. Zumal der Autor auch wirklich kein Blatt vor den Mund nimmt in seinen Schilderungen. Mich fröstelt es jetzt noch!

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