Jennifer Teege & Nikola Sellmair - Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen

30.10.13

Titel: Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen
Autorinnen: Jennifer Teege & Nikola Sellmair
Genre: Sachbuch, Biografie
Verlag: Rowohlt E-Book (20.09.2013)
ASIN: B00EDYDHRM (eBook)
Preis: 16,99 €
Papierformat: Gebundene Ausgabe
Bezugsquelle: Kauf
Bonus: Leseprobe

Kurzbeschreibung:
Es ist ein Schock, der ihr ganzes Selbstverständnis erschüttert: Mit 38 Jahren erfährt Jennifer Teege durch einen Zufall, wer sie ist. In einer Bibliothek findet sie ein Buch über ihre Mutter und ihren Großvater Amon Göth. Millionen Menschen kennen Göths Geschichte. In Steven Spielbergs Film «Schindlers Liste» ist der brutale KZ-Kommandant der Saufkumpan und Gegenspieler des Judenretters Oskar Schindler. Göth war verantwortlich für den Tod Tausender Menschen und wurde 1946 gehängt. Seine Lebensgefährtin Ruth Irene, Jennifer Teeges geliebte Großmutter, begeht 1983 Selbstmord.
Jennifer Teege ist die Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers. Sie wurde bei Adoptiveltern groß und hat danach in Israel studiert. Jetzt ist sie mit einem Familiengeheimnis konfrontiert, das sie nicht mehr ruhen lässt. Wie kann sie ihren jüdischen Freunden noch unter die Augen treten? Und was soll sie ihren eigenen Kindern erzählen? Jennifer Teege beschäftigt sich intensiv mit der Vergangenheit. Sie trifft ihre Mutter wieder, die sie viele Jahre nicht gesehen hat.
Gemeinsam mit der Journalistin Nikola Sellmair recherchiert sie ihre Familiengeschichte, sucht die Orte der Vergangenheit noch einmal auf, reist nach Israel und nach Polen. Schritt für Schritt wird aus dem Schock über die Abgründe der eigenen Familie die Geschichte einer Befreiung. *Quelle*

Zu den Autorinnen:
Jennifer Teege, Jahrgang 1970, ist die Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers. Mit vier Wochen wurde sie ins Kinderheim gebracht, mit sieben Jahren zur Adoption freigegeben. Sie hat vier Jahre in Israel gelebt und dort studiert. Seit 1999 Texterin und Konzeptionerin in der Werbebranche. Sie lebt in Hamburg.

Nikola Sellmair, Jahrgang 1971, Absolventin der deutschen Journalistenschule, studierte Politik, Wirtschafts- und Kommunikationswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München. stern-Redakteurin seit 2000. Ausgezeichnet mit zahlreichen Journalistenpreisen.

Meinung:
Jennifer Teege macht im Alter von 38 Jahren eine Entdeckung, die ihr gesamtes Leben verändern wird. Bei einem Bibliotheks-Besuch stößt sie auf das Buch "Ich muss doch meinen Vater lieben, oder?" von Matthias Kessler, auf dessen Cover sich ein Foto ihrer leiblichen Mutter Monika befindet, deren Vater Amon Göth war, der sogenannte "Schlächter von Plaszow". Jennifer Teege setzt sich daraufhin mit dem Leben ihrer Familie auseinander. Als Kind von ihrer Mutter in ein Heim verbracht, bis sie von der Familie Sieber adoptiert wurde. Sie versucht ihre Großmutter Ruth Irene zu verstehen, die die Freundin Göths war und bis zu ihrem Tod große Stücke auf ihn hielt. Und ebenso versucht sie sich an einer Annäherung ihrer eigenen Mutter Monika gegenüber, die bis in die Gegenwart versucht, sich für ihre Herkunft zu verteidigen.

Der Film "Schindlers Liste" dürfte jedem ein Begriff sein, in diesem spielte Ralph Fiennes den grausamen Amon Göth, den KZ-Kommandanten Plaszows, der aus Spaß an der Freude vom Balkon seiner Villa aus wahllos Häftlinge erschoss. Dieser Mann ist mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben und so griff ich zu Jennifer Teeges autobiographischem Buch.

In mehrere Kapitel unterteilt erzählt sie von ihrer folgenschweren Entdeckung, dem Sich-Begreiflich-Machen, wer der eigene Großvater war. Ebenso von ihrer Großmutter Ruth Irene Kalder, die bis zu ihrem Selbstmord im Jahr 1983 von Göth als ihrem Traummann sprach und seine Taten bagatellisierte. Von ihrer Mutter Monika, zu der sie nie ein normales Verhältnis aufbauen konnte und die mit ihrem eigenen Leben nicht zurecht kommt bis zu den israelischen Freunden, die sie in ihrer Jugend, in der sie eine Zeitlang in Israel verbrachte, kennenlernte und mit denen sie heute noch sehr verbunden ist. Auch ihre eigene Kindheit und Jugend lässt Jennifer Teege rückblickend vorbeiziehen, als Tochter von Monika und einem Nigerianer geboren, hatte sie es in den 1970er Jahren dank ihrer Hautfarbe nicht leicht und versuchte so wenig wie möglich aufzufallen.

Ihre Auseinandersetzung mit ihrer Familie konnte mich berühren und ich konnte ihre Bestürzung durchaus nachempfinden, auch wenn ich mir nicht ganz erklären konnte, dass sie ihren eigentlichen Nachnamen nie mit Amon Göth in Verbindung gebracht hat, zumal sie, wie sie selbst schreibt, "Schindlers Liste" gesehen hat und auch als Kind viel Zeit bei Großmutter Ruth Irene verbracht hat.

Abgesehen davon kann ich dieses Buch nur an interessierte Leser weiterempfehlen. Jennifer Teege kann man für ihre Offenheit und den Umgang mit solch einem heiklen Thema nur bewundern, auch wenn diese Generation (zu der ich mich auch zähle) keinerlei Schuld mehr trifft. Dieses Buch wirft die Frage auf, was wir heutzutage noch von unseren Großeltern wissen, wie sie die Kriegszeit und den Nationalsozialismus erlebt haben, wie sie damit umgingen, ob sie Täter oder Opfer waren oder vielleicht beides zugleich, indem sie wegsahen? Doch egal, welche Rolle ihnen zuteil wurde, dies sollte man in keinster Weise auf die eigene Person beziehen, denn wie gesagt, ist die 3. Generation meiner Meinung nach schon viel zu weit davon entfernt, sich für etwaige Taten der Großeltern schuldig fühlen und sich in eine Täter- oder Büßerrolle pressen lassen zu müssen.

Fazit:
Ein berührendes Buch, in dem sich Jennifer Teege intensiv mit ihrer Familie, allen voran ihrem Großvater, auseinandersetzt.

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