Rezension: Antonia Michaelis - Der Märchenerzähler

15.7.11

Titel: Der Märchenerzähler
Autorin: Antonia Michaelis
Genre: Jugendbuch (ab 14 Jahren)
Verlag: Oetinger (Februar 2011)
ISBN: 978-3-7891-4289-5
Gebunden, 448 Seiten
Preis: 16,95 €
Bezugsquelle: Gekauft

Abel Tannatek, der Außenseiter, der Schulschwänzer, der Drogendealer. Wider besseres Wissen verliebt Anna sich rettungslos in ihn. Denn da gibt es noch einen anderen Abel. Den sanften und traurigen Jungen, der für seine Schwester sorgt und der ein Märchen erzählt, das Anna nicht mehr loslässt. Doch die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen. Was, wenn das Märchen gar kein Märchen ist, sondern grausame Wirklichkeit? Was, wenn Annas Befürchtungen wahr werden? Was, wenn der, den sie liebt, zugleich ihr schlimmster Feind ist?
Zur Autorin:
Antonia Michaelis, Jahrgang 1979, in Norddeutschland geboren, in Süddeutschland aufgewachsen, zog es nach dem Abitur in die weite Welt. Sie arbeitete u.a. in Südindien, Nepal und Peru. In Greifswald studierte sie Medizin und begann parallel dazu, Geschichten für Kinder und Jugendliche zu schreiben. Seit einigen Jahren lebt sie als freie Schriftstellerin in der Nähe der Insel Usedom und hat bereits zahlreiche Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht - spannend, fantasievoll und äußerst erfolgreich.

Rezension:
Die 17-jährige Anna Leemann steht kurz vor dem Abitur. Im Kollegstufenzimmer ihrer Schule findet sie eines Tages unter dem Sofa eine Stoffpuppe, die der Schwester ihres Mitschülers Abel gehört. Abel, den alle nur bei seinem Nachnamen rufen und der "der Kurzwarenhändler" genannt wird, weil er in den Pausen Drogen verkauft, lässt Anna seit dieser Begegnung nicht mehr los, obwohl sie ihn vorher kaum wahrgenommen hat.

Sie freundet sich mit ihm und seiner Schwester Micha an und lauscht fasziniert dem Märchen über die kleine Klippenkönigin, das er seiner Schwester erzählt. Schon bald tauchen in diesem Märchen reale Personen auf, die Abel geschickt in diese Erzählung miteinfließen lässt und Anna gerät immer mehr in einen Rausch aus Verliebtheit und Abhängigkeit zu Abel, auch wenn er manchmal so tut, als würde er sie nicht kennen und sie eines Tages sehr verletzt. Doch was und welche Geschichte verbirgt sich wirklich hinter Abels eiskalten Augen, der harten Schale, aber dem so traurigen Kern? Anna findet es langsam heraus und es scheint schlimmer zu sein, als sie sich jemals vorstellen könnte...

Auf "Der Märchenerzähler" bin ich durch die vielen, doch recht konträren Meinungen aufmerksam geworden, und ich musste dieses Buch einfach haben und natürlich auch lesen. Ich kann nur eines sagen: Ich bin absolut begeistert von dieser Geschichte, auch wenn sie sich nicht in die "Heile-Welt-Jugendromane" einordnen lässt, sondern sehr kritische Themen anpackt.

Anna empfand ich manches Mal als zu naiv und unentschlossen. Man merkt, dass sie das erste Mal in ihrem Leben richtig verliebt ist (auch wenn sie bereits 17 Jahre alt ist), sie schaut durch eine rosarote Brille und nichts und niemand kann sie in ihrer fast schon obsessiven Verliebtheit zu Abel erschüttern. Selbst, als er sie abends in einem abgelegenen Bootshaus sehr verletzt, hält sie im Endeffekt doch zu ihm. Dieses Verhalten fand ich etwas unglaubwürdig und überzogen, aber das ist auch der einzige Kritikpunkt, den ich an dem Buch habe.

Abel selbst ist ein typischer Fall von "raue Schale, weicher Kern". Er kümmert sich aufopferungsvoll um seine Schwester Micha, denn ihre Mutter Michelle ist seit einiger Zeit verschwunden und hat beide sitzenlassen. Immer ist Abel auf dem Sprung, denn er befürchtet, dass die Behörden dahinterkommen, dass er alleine mit seiner Schwester lebt und sie in einer Pflegefamilie untergebracht werden könnte. Um den Lebensunterhalt einigermaßen zu bestreiten, verkauft er Drogen auf dem Schulhof und in den heruntergekommenen Kneipen der Stadt.

Um diese Trostlosigkeit zu vergessen, erzählt er Micha das Märchen von der kleinen Klippenkönigin, das er sich selbst ausdenkt. Wenn er erzählt, wird er eine andere Person: Seine Geschichte sprüht vor Fantasie, er jongliert gekonnt mit Worten, denen sich niemand entziehen kann. Und doch hat dieses berührende Märchen auch viel mit der Realität zu tun, es tauchen Personen darin auf, die man nach genauerem Hinhören in das reale Leben einordnen kann und diese führen nicht nur Gutes im Schilde.

Begeistert hat mich der Schreibstil von Antonia Michaelis: Ist er zwar in den "realen" Szenen manches Mal etwas überzogen und einen Tick zu poetisch, geht er in den eingebundenen Märchenerzählungen aber vollends auf und entfaltet seine wirkliche Pracht. Was dann wirklich zum Ende hin ans Licht kommt, wird von der Autorin während des Romans geschickt in anderweitige Richtungen gelenkt, die den Leser auf verschiedene Spuren führen, die aber erst zum Schluss den richtigen Weg weisen und mich sehr nachdenklich zurückließen.

"Der Märchenerzähler" ist definitiv kein Wohlfühlroman, auch wenn man das anhand des Covers und des recht allgemein gehaltenen (etwas zu romantischen) Klappentextes annehmen könnte. Dieses Buch setzt verschiedene Gefühle frei: es erschüttert, erschreckt, macht den Leser ungläubig obhin soviel Trostlosigkeit und Traurigkeit, aber es gibt auch sehr schöne, liebevolle Momente, in denen einem das Herz aufgeht. Letztendlich gibt es kein Happy End, das hätte auch nicht zu der Gesamtgeschichte gepasst und wäre zu unglaubwürdig gewesen. Ich kann "Der Märchenerzähler" nur wärmstens weiterempfehlen, dieses Buch ist für mich ein definitives Highlight dieses Jahres!

Zur Gestaltung des Buchs: Das in verschiedenen Grüntönen gehaltene Cover des Schutzumschlags zeigt ein Mädchen, das mit ausgebreiteten Armen vor einem angedeuteten See steht, umgeben von dornigen Ästen. Dieses Bild (allerdings ohne das Mädchen) wird auf dem eigentlichen Buchumschlag fortgeführt, was ich bei den Büchern aus der Verlagsgruppe Oetinger immer wieder sehr ansprechend finde.

Fazit: "Der Märchenerzähler" berührt, macht nachdenklich, erschüttert, weiß aber auch durch sehr schöne Momente zu glänzen - Antonia Michaelis ist es gelungen, dass mir diese Geschichte noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

6 Kommentare

  1. Hi Kerstin,
    wieder eine wunderbare Rezension. Ich mag Deinen Stil, wie Du schreibst, Dich ausdrückst, dabei :O))
    Mir ging es auch so. Dieses Buch bleibt für mich das Buch des Jahres 2011. Glaube nicht das da dieses Jahr noch ein Buch ran kommt :O))
    LG Ela

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  2. Habe jetzt nur das Fazit gelesen, weil ich das Buch selbst gerade begonnen habe. Aber es scheint ja wirklich ein Highlight zu sein!
    Hoffentlich nicht zu traurig *schnief*

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  3. @Ela: Vielen Dank :) Ich glaube auch nicht, dass das Buch noch getoppt werden kann. Ich würde es sogar mit "Die Bücherdiebin" gleichsetzen, das ging mir auch sehr lange nicht aus dem Kopf. Hast du das gelesen?

    @Juliane: Für mich war's definitiv ein Highlight. Ich bin sehr auf deine Meinung dazu gespannt, die variieren ja recht deutlich ;)

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  4. Hallo liebe Kerstin!

    Ich hab nur dein Fazit gelesen und würde mit dem Buch am liebsten auf der Stelle anfangen.

    Allerdings warte ich noch auf das Wochenende, da ich meine Bücher immer mit mir herumschleppe (und ich Hardcover deshalb immer am WE -zu Hause- lese)...

    Liebe Grüße,
    Sabine

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  5. Hi,
    die bücherdiebin hatte ich als Hörbuch gehört und war sehr betroffen und beeindruckt.
    LG Ela

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  6. @Sabine: Ich bin sehr auf deine Meinung gespannt, viele waren/sind davon ja nicht so begeistert...aber so ist das nunmal bei guten Büchern, man liebt oder hasst sie ;)

    @Ela: Ich habe das Hardcover gelesen, die Zeichnungen darin haben mich eigentlich erst dazu verleitet. Aber generell bin ich eh immer interessiert an Büchern aus dieser Zeit, da es ja schließlich ein (wenn auch nicht rühmliches) Stück aus unserer deutschen Geschichte ist.

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