Rezension: Lydia Mischkulnig - Schwestern der Angst

17.12.10

Titel: Schwestern der Angst
Autorin: Lydia Mischkulnig
Genre: Belletristik
Verlag: Haymon (Juli 2010)
ISBN:
978-3-85218-642-9
Gebunden, 248 Seiten
Preis: 17,90 €
Leseprobe
(vielen Dank für die Bereitstellung an den Haymon-Verlag)

Kurzbeschreibung:
Als Kinder sind Marie und Renate unzertrennlich. In einer Familie, die geprägt ist von Verlust und Misstrauen, schafft Renate für ihre Schwester eine eigene Welt aus der Sehnsucht nach Unversehrtheit und Glück. Doch dann, Jahre später, tritt Paul in das Leben der Mädchen und spaltet ihre vermeintliche Einheit. Von beiden umworben, entscheidet er sich für Marie – und plötzlich kippt die liebende Fürsorge Renates in Hass und subtil tobenden Zorn. Je tiefer der Graben zwischen den Frauen wird, umso gefährlicher verzerrt sich Renates Blick auf die Welt. Sie heftet sich dem Paar an die Fersen, verfolgt ihre Schwester, überwacht sie zuerst aus der Distanz, rückt dann aber unaufhaltsam näher – bis zur letzten Konsequenz.

Zur Autorin:
Lydia Mischkulnig, geboren in Klagenfurt, lebt in Wien. Mehrfach ausgezeichnet, u.a. Bertelsmann-Literaturpreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb (1996), Manuskripte-Preis für Literatur (2002), Elias-Canetti-Stipendium der Stadt Wien (2007), Österreichischer Förderpreis für Literatur (2009), Joseph-Roth-Stipendium (2009).

Sie stellte die Bedingung, dass ich mich einer Therapie unterziehen müsse und mich ihr bis auf dreißig Meter Entfernung nicht mehr nähern dürfe, dann würde sie die Klage zurückziehen. Sie musste kosmetische Operationen über sich ergehen lassen. Ich wollte ihr eine Lehre erteilen, und nun war sie gezeichnet. (Seite 140)

Rezension:
Renate ist besessen, besessen von ihrer jüngeren Schwester Marie. Doch warum? Renate wuchs bei ihren Großeltern in einem kleinen armseligen Ort in Osteuropa auf, ihr fehlten Mutter und Vater sehr. Ihre Mutter, die in Österreich ein neues besseres Leben begonnen hat, holt Renate zu sich und ihrem neuen Stiefvater. Kurz danach wird Marie geboren und Renate gibt alle Liebe, die sie hat und selbst nie erhalten hat, an ihre Schwester weiter. Doch Marie kann später damit nicht mehr umgehen, sie fühlt sich von Renate eingeengt, ja geradezu erdrückt.

Als Marie dann Paul kennen- und liebenlernt, wird das Verhältnis zu ihrer Schwester noch schwieriger. Denn Renate sieht in Paul einen Vergewaltiger, den Mann, den sie nie haben konnte und der sich jetzt an ihre Schwester heranmacht. Sie will die Hochzeit der beiden auf Biegen und Brechen verhindern, es bahnt sich eine ausweglose Katastrophe an...

Ich hatte anfangs meine liebe Mühe, in den Schreibstil von Lydia Mischkulnig hineinzufinden. Er ist manches Mal sperrig und lässt sich nicht so recht flüssig lesen. Doch die Geschichte um Renate, ihre Schwester Marie und Paul packt den Leser schnell. Dieser Roman hat nichts mit einem Krimi oder Thriller, wie man vielleicht anhand des Klappentextes oder Buchtitels meinen könnte, gemein.

Vielmehr handelt es sich um ein detailliertes Psychogramm von Renates Seele, Gefühls- und Gedankenwelt, die oft recht bizarr und krankhaft anmutet. Verstärkt wird dies noch durch die erzählende Ich-Perspektive Renates. Als Leser ist man sich nie ganz sicher, ob alle Schilderungen Renates auf Wahrheit beruhen oder "nur" krankhafte Phantasien sind.

Zum Schluss blieb ich sehr bedrückt, aber auch zwiespältig zurück. Ist Renate durch ihre wirren Gedanken nun bemitleidenswert oder hat man doch eher Mitleid mit Marie, die mit der Zeit regelrecht Angst vor ihrer eigenen Schwester bekommt und sich bedroht und beobachtet fühlt?

Das muss wohl jeder Leser für sich selbst herausfinden. Lydia Mischkulnig ist auf jeden Fall ein sehr beängstigendes, bedrückendes und sehr glaubhaftes Psychogramm einer Frau gelungen, die von kleinauf nie die Liebe und Geborgenheit erfahren durfte, die für jedes Kind normal sein sollte.

Zur Gestaltung des Buchs: Das Cover ist in überwiegend hellen Farben gehalten. Man sieht zwei Frauen, die eine wird von der anderen durch ein Schlüsselloch beobachtet.

Fazit: "Schwestern der Angst" ist eine schwer verdauliche und verstörende Lektüre, die nicht geeignet ist, sie in einem Rutsch durchzulesen. Lydia Mischkulnig zeichnet ein gelungenes Psychogramm einer kranken Frau, das den Leser, wenn er sich erst einmal in den besonderen Schreibstil der Autorin eingefunden hat, nicht mehr loslässt.

Wertung: 4 von 5 Punkten

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